Andreas Gefeller

The Backside of Light

08.09.18 bis 06.10.18

VERNISSAGE: 07.09.2018

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Vor einem milchigen Hintergrund schlängeln sich die tentakelförmigen Zweige einer chilenischen Araukarie. Das diffuse Streulicht verschluckt die Konturen partiell und lenkt den Blick in die Tiefe der dichten Struktur, in das undurchdringliche Gespinst von Verästelungen und spitz zulaufenden, schuppenartigen Blättern, die spiralig angeordnet sind. Die bizarren Formationen erwachsen keinem erkennbaren räumlichen Gefüge, sondern breiten sich in einer zähen, schleierhaften Atmosphäre aus, treten quasi aus dem Nichts hervor. Wie schon in Andreas Gefeller’s früheren Serie „Blank“ ist in seiner jüngsten Werkgruppe The Backside of the Light oft ein Bildbereich vom übermäßigen Lichteinfall gleichsam ausgelöscht: Durch Über- und Langzeitbelichtung werden die zusammenfassenden und damit vereinheitlichenden Umrisse unscharf, während die chaotische Binnenstruktur plötzlich auf der Ebene des deutlich Sichtbaren erscheint. Der Ordnung anstrebende Sehsinn wird dadurch irritiert, ist doch die Herausbildung von klaren Grundformen durch die Konfrontation mit einer unübersichtlichen Detailfülle beeinträchtigt, die im neuronalen Wahrnehmungsprozess erst mit zunehmender bildanalytischer Differenzierung bewältigt werden können.

Auch die Ansicht eines Birkenwaldes mit ihrem unruhigen Wechselspiel aus Schatten und Linien fordert den Betrachter auf, zu blinzeln und neu zu fokussieren. Einige Bäume sind von einer gleichmäßigen, der Tonigkeit des Papiers entsprechenden Helligkeit getilgt, die charakteristische Oberflächenstruktur des Stammes ausradiert, so dass sie – wie bei einem Scherenschnitt – einzig durch ihre Abgrenzung zum Umraum erkennbar werden. Diese Kippmomente, in denen sich Hell und Dunkel, Positiv und Negativ, Form und Fläche, Bild und Papier gegeneinander verschieben, verzögern die sinnstiftende Erkenntnis.

Die teils vom Licht verschluckten Partien lassen die Aufnahmen mitunter unvollendet oder ausschnitthaft wirken und scheinen den getrübten Blick und das verschleierte Bewusstsein selbst zu verbildlichen.  Damit verweisen solche Störungen gleichermaßen auf das „Rauschen des Mediums“ als auch auf die eingeschränkte Wahrnehmung. Gefeller hinterfragt sowohl die Fotografie als auch das Sehen selbst – im erweiterten Sinne eines Verstehens.

Oft fehlt dem Betrachter, eingenommen durch die Sogwirkung der Aufnahmen, jeglicher Bezugspunkt zur Verankerung des dargestellten Motivs in Zeit und Ort. Zudem wirft die künstliche Anmutung einiger Motive die Frage auf, ob eine reelle oder aber eine virtuelle Erscheinung vorliegt. An dieser Schnittstelle zwischen Echtheit und Simulation, Dokumentation und digitaler Manipulation reflektiert Gefeller die zunehmende Ununterscheidbarkeit und Durchdringung von natürlichen Vorkommnissen und computergenerierten Welten. Der Realitätsbegriff – wie auch der Bildbegriff – durchläuft eine radikale Bedeutungsverschiebung.

Dabei ist die Realität, die eigene unmittelbare Umgebung, immer der Ausgangspunkt der Bildfindungen von Andreas Gefeller. Auf manchen Fotografien sind weiße, sich überlagernde und in Achterfiguren windende Linien wie ein zartes, anmutig gezeichnetes Gespinst auf einem schwarzen Grund zu sehen. Hierfür hat Gefeller die Reflexe einer LED Straßenlaterne eingefangen, deren pulsierende Lichtpunkte auf der schwarzen Wasseroberfläche im Düsseldorfer Hafenbecken tanzen und Spuren ihrer Bewegung hinterlassen. Während der durchbrochene Linienverlauf an eine Signalkette, an Codes und Kommunikation erinnert, wird in der Wechselwirkung zwischen Wasser und Licht auch der Kontrast zwischen Materie und Strahlung bzw. zwischen Ursubstanz und modernster Technik gegenwärtig.

Dem Werk von Andreas Gefeller wohnt die stille Poesie intensiver Beobachtung inne. Von einer nahezu wissenschaftlichen Neugier und Begeisterung für Naturphänomene angeregt, sucht Gefeller nach Bildern hinter dem äußeren Anschein und eröffnet damit eine Ebene subjektiver Interpretation und Reflexion. Indem er Spuren aufzeigt und Strukturen offenlegt, geht er nicht nur seiner eigenen Faszination für die Schöpfung, sowie einer konzentrierten Beschäftigung mit einer sich verändernden Umwelt nach, sondern versucht Licht auf existenzielle Fragen zu werfen. Mit sensiblem Gespür lotet Gefeller die kosmische Dimension alltäglicher Begebenheiten aus, legt das assoziative Potenzial von oberflächlichen Erscheinungen frei. Ob Funken eines Feuerwerks oder Fäden eines Spinnennetzes: Das dichte Gewebe wird zum All-Over eines universellen Gefüges.  


Knstler:
Andreas Gefeller