Backstage - die Rückseite

the rear side

26.05.18 bis 07.07.18

VERNISSAGE: 25.05.2018

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Der „Barberinische Faun“ in der Münchener Glyptothek hat eine raue Rückseite, denn er schloss ursprünglich an eine Gartenmauer an. Er schläft und ist vermutlich betrunken. Zwischen seinen breit gespreizten Schenkeln lässt er ohne Scham sein Gemächt sehen. Im prüden 19. Jahrhundert führte der Wärter die Damen an der schockierenden Schauseite vorbei zur Rückseite: dort, kaum sichtbar, lugt ein Schwänzchen hervor: Gottlob, er ist ein Tier! Die Schauseite eines Kunstwerks zaubert Illusionen (ein wohlgebauter Jüngling), die verdeckte Rückseite birgt die Wahrheit (ein Tier). Im Theater heißt das, was hinter der Bühne vorgeht, „backstage“. Dort – vor dem Publikum verborgen - befinden sich  die technischen Vorrichtungen, die vorn das Schauspiel ermöglichen. Es sind die nicht-ästhetischen Arbeitsbedingungen. Auf der Bühne die bezaubernde Diva, backstage der unordentliche Schminktisch etc. Das Centre Pompidou hat keine Fassade, keine Schauseite. Man blickt direkt ins Gedärm und Gerippe von Renzo Pianos Gebäude: Rohre, Kabel, Verspannungen. Was man sieht, ist nicht die traditionell einem Gebäude vorgeblendete Maske, sondern das, was sie verdeckt: die technische Innenseite. Vorn das brillante Produkt, hinten die Bedingungen und Spuren der Arbeit: bei Bildern der Keilrahmen, die Aufhängung, Aufkleber, Angaben der Ausstellungsorte – die Rückseite, die der in Antwerpen geborenen Cornelius Gijsbrechts schon 1670 als Stillleben gemalt hat.
                                                                                                                                                                       
Zu unserer Ausstellung: William Anastasi (US) lässt auf der Wand der Galerie die Kontur eines Rechtecks einritzen, innerhalb derer die Wandfarbe bis zur Mauer, zur Rückseite, abgetragen wird. John Beech (US) verwendet die Rückseite eines Bildes als Vorderseite.  Rob Scholte (NL) dreht auf dem Flohmarkt gefundene Stickbilder, die holländische Hausfrauen nach Vorlagen (Vermeer, Rembrandt u. a.) verfertigen, herum, signiert die Rückseite und stellt sie aus. Was man nun sieht, sind die heraushängenden Fäden, die von nah besehen, undefinierte Farbflecken bilden, doch aus gewisser Entfernung das Bild erkennen lassen – wie bei einem impressionistischen Gemälde. Charlotte Posenenske’s (D) Vierkantrohre, stereometrische Hohlkörper aus Stahlblech, geben Einblick auf  die Innenseite. Cécile Dupaquier‘s (F) weiße Wandtafel lässt einen kleinen Teil der Rückseite sehen.  Auch Michael Reiter‘s (D) Objekte zeigen Vorderseite und Rückseite zugleich – ebenso die großen Schleifen in Kirstin Arndt‘s (D) Netzarbeit -  erinnernd an das bekannte Möbius-Band. Auf Franziska Reinbothe‘s (D) Bild schimmert der Steckrahmen (die Rückseite) durch den Malgrund (die Vorderseite). Willy de Sauter’s (B) Arbeit betont die rauen, normalerweise unter dem Rahmen verborgenen Seiten. Gerwald Rockenschaub‘s (A) Arbeit zeigt die große Schraube, mit der sie hinten an der Wand befestigt wird, unverschämt zentral auf der Vorderseite.  In Martina Wolf‘s (D) Videoarbeit dreht sich der baumelnde Pappdeckel eines fastfood-Behälters, der abwechselnd die stumpfe Vorderseite  und die aluminiumbeschichtete, schimmernde Innenseite zeigt, auf der undeutlich der Raum hinter der Kamera erscheint.                                                                                                   

Alle ausgestellten Arbeiten der internationalen, verschiedenen Generationen angehörigen Künstler/innen stehen in der großen Tradition der Aufklärung, insofern sie sehen lassen, was sonst verborgen ist – das Gegenteil manieristischer Verrätselung.     

(Burkhard Brunn, 2018)                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 


Künstler:
William Anastasi / Kirstin Arndt / John Beech / Cécile Dupaquier / Charlotte Posenenske / Franziska Reinbothe / Michael Reiter / Gerwald Rockenschaub / Willy de Sauter / Rob Scholte / Martina Wolf