FRANÇOIS JACOB

24.06.17 bis 12.08.17

VERNISSAGE: 23. Juni, 18 - 21 Uhr

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Die Thomas Rehbein Galerie freut sich, erstmals in einer umfassenden Einzelausstellung Werke des belgischen Künstlers François Jacob zu präsentieren. Der 1976 in Brüssel geborene Jacob entwirft in seinen altmeisterlich ausgeführten Gemälden beklemmende Situationen wie Theaterszenen, in denen der Mensch wie eine Marionette in einem grotesken Rollenspiel gefangen zu sein scheint, dessen Charakterbesetzung nicht bekannt ist.

Jacob platziert seine oft mit Kostümen und Requisiten ausgestatteten Protagonisten in einen überwiegend dunklen Bildraum, der fast ohne Tiefenwirkung auskommt und eine melancholische, an die bläulich-grünliche Tonalität gebundene Grundstimmung evoziert. Das Bildgeschehen, unspektakulär und meist auf ein bis zwei Figuren konzentriert, spielt sich daher vordergründig ab, einer Bühnenhandlung gleich, getragen von einer barocken, Hell und Dunkel Effekte kontrastierenden Lichtdramatik. Die Aktion scheint angehalten, wie ein Standbild (Momentaufnahme), das aus einem narrativen Gesamtzusammenhang herausgelöst von einer geheimnisvollen Suggestivkraft umgeben wird, jedoch nicht näher zu bestimmen ist.

Häufig werden die Charaktere von einem einzigen Scheinwerfer gnadenlos angestrahlt. So wird die Schauspielerin, die sich hinter den Vorhang zurückgezogen hat, um einen Kleiderwechsel vorzunehmen, durch die grelle Beleuchtung schonungslos bloßgestellt. Vergleichbar mit einem schnellen Paparazzo Schnappschuss, dessen Ziel das Einfangen einer unbemerkten Pose ist, wird hier der Blick hinter die Kulisse geleitet (Actrice). Die punktuelle Lichtführung bei Jacob dient einer fast schmerzhaften Sichtbarmachung, wobei die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum aufgehoben und der Betrachter wie ein Voyeur in den Akt der Zurschaustellung eingebunden ist.
    
Jacobs Inszenierungen bringen im wörtlichen Sinne etwas „ans Licht“. Sie enthüllen eine „andere Realität“, eröffnen Parallelwelten und gewähren Einblicke in die Abgründe des Seelenlebens. In den wiederholt aufgenommenen Motiven des Verkleidens und Verhüllens wird das Spiel mit Dualitäten demonstrativ aufgeführt. Insbesondere wird der existenzielle Konflikt zwischen Schein und Sein offengelegt, um die Zerrissenheit des Menschen zu thematisieren.

Befremdlich muten also die Gestalten an, wie die menschliche Figur, die etwas linkisch auf einem Boden aus Holzplanken kniet und einen großen Eselskopf mit abgespreizten Ohren als ungeheuerliches Attribut trägt (ohne Titel). Die Konfrontation mit einem trügerischen Erscheinungsbild wird auch in der frontalen Ansicht dreier nebeneinander vorwärts schreitender Gestalten erfahrbar (Marches). Ihre gestaffelte Größe und die verschlungenen Hände lassen an die klassische Konstellation einer Mutter mit zwei Kindern denken, jedoch verbergen sich ihre Gesichter hinter Masken und sind damit unkenntlich. Eine Verunsicherung kommt auf, da die klare Zuweisung von Identität ausbleibt. In besonderem Maße wird diese Irritation angesichts der Gestalt der Tänzerin spürbar, die gleichermaßen durch männliche, weibliche und kindliche Anteile bestimmt ist. Hier wird eine geschlechtliche Uneindeutigkeit heraufbeschworen, die eine Identifikation unmöglich macht (La Pose).

Eine fundamentale Entfremdung findet somit statt und Jacobs Sujets wirken dementsprechend in sich gekehrt und deplatziert. Vorgeführt wie Diego Velázquez´ aus dem höfischen Personal stammende Riege, mit ihren traurigen Zwergen, Sklaven und Narren, weichen sie hinter einer - bisweilen karikaturhafte Züge aufweisenden - künstlichen Fassade zurück. Die wirkmächtigen Werke von François Jacob reflektieren das universelle Schauspiel, die Maskerade menschlichen Daseins und stellen unverhohlen die Ambiguität einer Existenz zur Schau, die sich in „vielen Gesichtern“ manifestiert.

(Bettina Haiss, 2017)


Künstler:
Francois Jacob (VITA)