Antoniusfeuer

Peter Sauerer und Trude Friedrich

02.12.17 bis 06.01.18

VERNISSAGE: 01.12.2017

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PETER SAUERER

Peter Sauerers (*1958) unerschöpflicher Fundus ist die Weltgeschichte. Jede seiner ausgestellten Objektschachteln enthält ein spezifisches, szenisch gebundenes Figurenensemble. Vom Künstler mit äußerster Präzision geschnitzt und farbig gefasst stehen die einzelnen Protagonisten auf schlanken Podesten, wobei die präsentierten Figuren mitsamt ihrem Unterbau nicht länger als eine Zigarette sind. Auf die Außenseite des Pappdeckels ist die jeweilige Vorlage angebracht: ikonische Pressefotos, Filmplakate, Reproduktionen von Kunstwerken. Wie ein kompletter Satz Miniaturfiguren scheint Sauerers Ensemble zur spielerischen Nachstellung des abgebildeten Originalszenarios einzuladen. Der Spielzeugcharakter verführt zunächst zum leichten Genuss: Man ergeht sich belustigt in der intensiven Beobachtung der handwerklich raffinierten Details und erliegt dem Erstaunen den das extreme Kleinformat hervorruft.

Diese unbeschwerte Hingabe ist verräterisch, sobald die Verbindung zur Vorlage erkennbar wird. Denn die Akteure sind mitunter medial verbreiteten Darstellungen entnommen, die im kollektiven Gedächtnis verankert sind und auf die bisweilen schonungslos brutale Gewalt des zugrundeliegenden Ereignisses verweisen. Der Figurensatz „Dallas“ vergegenwärtigt die Erschießung von John F. Kennedy und umfasst John F. Kennedy, Jackie Kennedy, den Mörder Lee Harvey Oswald (in weißen Unterhemd), sowie den ebenfalls bei dem Attentat ums Leben gekommenen Chauffeur. Ebenfalls im Programm: die Geiselnahme von Gladbeck mit dem Geiselnehmer Dieter Degowski und der 18-jährigen Geisel Silke Bischoff, die während der abschließenden Polizeiaktion auf der Autobahn erschossen wurde, sowie ausgelassene Begegnungen auf dem Bergdorf, Hitlers Landhaus am Obersalzberg, darunter die Begrüßung der kleinen Tochter von Eva Brauns bester Freundin Herta Schneider, Uschi. Auch die „Geißelung Christi“ des italienischen Meisters Piero della Francesca ist hier vertreten.

Während durch die Bildvorlage der Bezug zum Ereignis gegeben ist, wird dieser durch die von Sauerer nachgebildeten Protagonisten geradezu verschleiert. Wie eine Schauspielerriege, die sich ihrer drastischen Rollen entledigt und vor den Bühnenvorhang tritt, werden sie dem Publikum frontal zur Schau gestellt. Hier offenbart sich die Diskrepanz zwischen der Dramatik des Geschehens und der unbewegten Haltung der Beteiligten: Täter und Opfer nehmen die gleiche aufrechte und passive Haltung ein. Einzig die Ausstattung lässt auf die dargestellte Person und ihre Taten schließen. Beklemmend ist der gleichgeschaltete Ausdruck der Miniaturen, und damit auch die unbeirrbar egalisierende Sorgfalt, mit welcher Sauerer die Gestalten erschafft. Ob es sich um den Urheber der Verbrechen an der Menschlichkeit handelt oder um die Unschuld vom Lande: Beide sind mit der gleichen – man muss es so sagen - liebevollen Hingabe geschnitzt und bemalt.

Manchmal lenkt Sauerer den Blick auf eine Randfigur, einen Nebenschauplatz oder einem Detail im Hintergrund. Dem berühmten gekreuzigten Jesus mit den grotesk gespreizten Fingern aus dem berühmten Retabel des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald stellt Sauerer zwei Figürchen zur Seite, deren Leiber mit roten Flecken übersäht sind. Damit wird auf eine Figur, die auf dem unteren Seitenflügel des Altarbildes wiedergegeben ist und vom sog. Antoniusfeuer* befallen ist, hingewiesen. Neben der Reproduktion seines berühmten Gemäldes „Das Eismeer“ steht der „Eismeermaler“ Caspar David Friedrich selbst, erkennbar an seinem ausladenden Backenbart. Der Maler litt an einer depressiven Erkrankung und hatte einen Suizidversuch unternommen. Anekdotisch wird berichtet, Friedrich habe sich einen Backenbart wachsen lassen, um die Narbe am Hals zu kaschieren.

Nicht die exakte Wiedergabe der Vorlage ist Sauerers Anliegen, sondern vielmehr durch einen Perspektivwechsel die Wahrnehmung zu schärfen. Während man angesichts der unaufhaltsamen medialen Bilderflut und dem undurchdringlichen Informationsdickicht längst abgestumpft ist, vermögen die mit viel Feingefühl gefertigten Figuren aus Holz von Sauerer aufgrund ihrer altmodischen Anmutung einen besonderen Reiz auszuüben. Ohne großes Getöse fordern sie den Blick besonders heraus und erzielen einen nachhaltigen Eindruck.


TRUDE FRIEDRICH
Durch die zeitintensive Bearbeitung Bedeutung zu generieren vermag auch Trude Friedrich (*1955) in ihrem künstlerischen Schaffen. Gegenstand ihres Werkes sind alltägliche, unscheinbare Vorkommnisse, beiläufige Ansichten, die Friedrich durch ihre Kunstfertigkeit aufwertet, bzw. durch die minutiöse handwerkliche Tätigkeit beinahe symbolisch „auflädt“: Gräser, Häuser, Zäune. Man ist angehalten, ihre sorgfältig gefertigten Werke länger zu betrachten. Faszinierend exakt und täuschend echt ist die naturgetreue Nachbildung in Holz, etwa der einzelnen Grashalme in einer Vase („Grasschnitt“). Die langsam einsetzende Erkenntnis, dass durch die Verschleifung von Schein und Sein, Illusion und Identität, ein „falscher Eindruck“ erzeugt wurde, verunsichert. Auch liegende oder lose baumelnde Schnurstränge werden hölzern „versteift“ und wie Stöcke gegen die Wand gelehnt. Die sich aus dieser Vereinigung von Unvereinbarkeiten ergebende Erfahrung einer widernatürlichen bzw. unmöglichen Gegebenheit zeugt von einer Entfremdung bzw. „Verkehrung“ der Verhältnisse und mutet surreal an („Schnur vertikal“).

Trude Friedrichs Kunst irritiert durch subtile Abwandlungen oder Verrückungen vorgefundener Realität und die dadurch bedingten leisen Verschiebungen der Grenzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, Fakt und Fantasie. Ihre Bildwelten enthalten Widersprüchliches, und doch beanspruchen stocksteife Schnüre, diamantenbesetzte Äste oder Schuppenhäuser eine eigene Wahrheit, besitzen eine eigene Wesenhaftigkeit. In ihrer Serie „Schutzmarken“ fügt Friedrich zarte Lindenäste zu filigranen Gebilden zusammen, deren Liniengerüste wie direkt auf die Wand aufgetragene Zeichenstriche Würfel, Sterne und andere stilisierte Formationen ergeben. Oft sind die Äste mit facettierten, zartfarbigen Edelsteinen gespickt, die wie Knospen sprießen („Diamantenbündel“, „Hexagon“, „Gleiche Welt“, „Diamantrahmen“). Während man ein Reisigbündel in der Wirklichkeit antrifft, erscheint ein Diamantbündel als Produkt der Vorstellungskraft. Und doch nimmt dieser durch Friedrichs schöpferische Hand objektive Gestalt an und beansprucht seinen Platz in der Wirklichkeit. Von ähnlicher substanzieller Tragweite wie etwas, das „in Stein gemeißelt“ eine Beständigkeit für sich beansprucht, erscheinen die hier präsentierten in Holz geschnitzten Gegebenheiten als Ausdruck einer unverrückbaren Realität. Eine souveräne Selbstverständlichkeit geht von dieser Vereinigung von Unvereinbarem aus: So ist es ganz natürlich, dass Diamanten auf Bäumen wachsen („Gleiche Welt“).  


* Durch den Verzehr von Mutterkorn (Getreidepilz) verursachte Vergiftung, die auch als „heiliges Feuer“ bekannt und insbesondere im Mittelalter verbreitet war.


Künstler:
Peter Sauerer (VITA) / Trude Friedrich (VITA)