Stephan Melzl

14.04.18 bis 19.05.18

VERNISSAGE: 13. April 2018, 18 - 21 Uhr

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„Stephan Melzl ist ein Meister der Brüche. In seinen Bildern lässt er Realitätsebenen, die sich widersprechen, malerisch sanft, aber inhaltlich oft provozierend schroff aufeinanderprallen.“
(Gottfried Knapp, Süddeutsche Zeitung, 2014)

Die kleinformatigen, meist auf 65 x 50 cm zugeschnittenen Tischlerplatten ausgeführten Gemälde von Stephan Melzl weisen eine exquisite Farbgebung auf, deren intensive Leuchtkraft aus einem langsamen, lasierenden Farbauftrag hervorgeht. Nach einer Entwurfszeichnung, die wie ein erstes Gerüst die Bildfläche gliedert bzw. strukturiert, gibt sich Melzl der Malerei hin, aus seiner konzentrierten Beobachtung der Schichten lichter, transparenter Farbklänge ergibt sich die Bildfindung. Melzl spürt einer Atmosphäre nach, die mit dem Aufkommen bestimmter Farbwerte einhergeht und im allmählichen Aufscheinen einer Kontur, deren weiterer Verlauf Melzl wie ein Suchender verfolgt, konkrete Gestalt annimmt. Der Betrachter ist eingenommen von der irisierenden, künstlich gesteigerten Farbqualität und dem zarten Schmelz der Oberfläche, kurzum, die kostbare Wirkung erzeugt ein sinnliches Wohlgefühl, das Auge verfällt dem leichten Konsum einer Malerei, die zugleich verführt und verstört. Denn gerade in der näheren Betrachtung, wird die wohlgefällige, heitere Fassade brüchig, offenbaren sich vertrackte Pfade und unheimliche Bildinhalte, die aus der raffinierten Kombination von Motiven und einer vielschichtigen Komposition zum Vorschein kommen.

Melzls meisterhafte Technik macht alles möglich, sie veranlasst die einträchtige Koexistenz disparater Elemente im Bild und lässt eine Bildrealität entstehen, in der Widersprüche harmonisch erscheinen und die Logik des Traums die Handlungsebenen verdichtet. Hinter diesem schönen Schein, der alles vereinheitlicht, geht es mitunter anarchisch zu. So durchdringen sich Interieur und Landschaft, religiöse und  profane Themen, Mythologie und Mode, Kitsch und Kunst, Barock und Bubblegum, Ölschinken und Smartphone. Melzl übernimmt oft bedeutende Einzelwerke oder traditionelle Bildformeln der Kunstgeschichte und ergänzt das Zitat durch Bildmotive aus einem völlig anderen Kontext. Es vereinen sich christliche Symbolik und Popkultur, Attribute von Heiligen oder Märtyrern werden durch banale Gegenstände wie Luftballons oder Modellflugzeuge ersetzt.

Oft wird anhand von formalen Korrespondenzen eine inhaltliche Irritation eingeführt. Auf einem Skateboard balancierend, die Arme seitlich ausgestreckt, ist eine stilisierte weibliche Figur (Flugschau, 2017) in einem sportlichen Dress zu sehen, dessen aerodynamischer Aufdruck die Kurven des Körpers zugleich aufnimmt und verzerrt. Die Farben ihres Anzugs korrespondieren mit den Wrackteilen eines gestürzten Flugzeugs im Hintergrund. Die wiederkehrenden, sorgfältig aufeinander abgestimmten


Pastellnuancen lassen ein liebliches Farbenspiel in den Vordergrund treten und verschleiern geradezu die dargestellte Katastrophe, das Entsetzliche des Ereignisses. Fast abstrakt setzen sich die farbigen Bereiche voneinander ab, in ihrem kontrastierenden Nebeneinander weichen Figuren und Formen zurück. Die Diskrepanz zwischen einer eleganten Malerei und den dargebotenen, oft skurrilen Sujets, zwischen perfekter Form und rätselhaftem Inhalt erzeugt die eigentümliche Spannung, die den Gemälden von Stephan Melzl innewohnt.

In Himmelwärts (2017) führt Melzl drei Einzelszenen, deren Darstellung in der kunsthistorischen Tradition formal und inhaltlich durch das Kreuzmotiv bestimmt ist, zu einer Komposition zusammen. Deutlich erkennbar ist die rechte Figurengruppe, die Kreuztragung oder den Gang nach Golgatha verkörpernd, von Melzl mit einem auf den Schultern lastenden Modellflugzeug ausgestattet. Melzl führt hier einen glaubhaften formalen Stellvertreter ein, der die Feierlichkeit der dargestellten Szenen ins Leere laufen lässt. Daneben streckt sich ein Wanderer mit einem Rucksack zu einem aufgerichteten Modellflugzeug empor, an dessen Stelle ein Gipfelkreuz zu erwarten wäre. An zentraler Stelle steht ein Jüngling im Lendenschurz, der ein Modellflugzeug umfasst und dessen Pose einer Heiligen- oder gar Christusdarstellung entspricht. Die freche Abkehr vom ursprünglichen Bedeutungsträger, die lockere Umbesetzung von Figuren oder Requisiten, führt den (postmodernen) Zweifel an der Integrität der Erzählung ein. Überhaupt scheinen hier durch die vorgenommene kontextuelle Verschiebung die Mechanismen der Bedeutungsbildung, die strenge Einheit aus Form und Inhalt spielerisch zerlegt. Aus diesem freien Umgang mit Konventionen entstehen humorvolle Hybridkonstruktionen, deren formale und inhaltliche Fährten zum Lustwandeln anregen.

(Bettina Haiss, 2018) 
 
 


Künstler:
Stephan Melzl